Die Neuzeit
Beginnt mit der Ankunft von Béla Graf Cziráky in Kanada in den frühen fünfziger Jahren, Heirat und der Geburt der 4 Kinder. Erzählt aus Sicht seines Sohnes Ádám Graf Cziráky.
Überblick – Entwurzelt
Entwurzelt ist die Autobiografie von Ádám Cziráky, Nachkomme einer der bedeutendsten ungarischen Adelsfamilien. Das Buch erzählt die Geschichte eines Mannes zwischen zwei Welten — der alten Welt seiner Vorfahren und der modernen Welt, in die er hineingeboren wurde — und fragt, was von einer Familie übrig bleibt, wenn Schlösser, Besitz und Heimat verloren sind.
Im Mittelpunkt steht der Vater Béla Graf Cziráky, 1921 auf Schloss Dénesfa in Ungarn geboren. Kaiserliche Taufpaten, ein behütetes Leben auf dem Familienbesitz, adelige Erziehung — und dann der Zweite Weltkrieg, der alles verändert. Béla wird als junger Leutnant an die Front geschickt, nach Kriegsende in Budapest von sowjetischen Soldaten von der Straße verschleppt und nach Sibirien deportiert. Zwei Jahre Lagerhaft bei minus 50 Grad zehren ihn aus — von 80 auf 45 Kilogramm. Sein eigener Bericht darüber, 1952 in einer kanadischen Zeitung erschienen, ist als Anhang dem Buch beigefügt: nüchtern, präzise und erschütternd, und heute so aktuell wie damals.
Nach seiner Rückkehr aus der Lagerhaft verlässt Béla das kommunistisch beherrschte Ungarn und emigriert über Paris und Italien nach Kanada. In Montreal lernt er die junge Britin Jill Tweedie kennen — spätere feministische Ikone und Bestsellerautorin — und heiratet sie 1953. Das Paar ist in jeder Hinsicht ein Gegensatz: er geprägt von Krieg, Verlust und Standesbewusstsein, sie jung, ungebunden und neugierig auf ein Leben jenseits britischer Konventionen.
Die Ehe scheitert, und Béla flieht 1963 mit seinen beiden Kleinkindern — Ilona und dem vierjährigen Ádám — aus England, ohne Erlaubnis, ohne Abschied.
So beginnt Ádáms Kindheit: eine Kette von Internaten und Umzügen. Nach Kanada und England, nun durch Österreich und Deutschland. Sein Vater ist gleichzeitig Vater und Mutter, Vorbild und Rätsel — ein Mann, der nie über seinen Schmerz spricht, der nach der Gefangenschaft auf dem Boden schläft weil sein Körper das Weiche nicht mehr kennt, der seinen Sohn mit einer Goldmünze und dem Satz noblesse oblige in die Welt entlässt. Die Mutter ist abwesend — dass er sie Jahre später nicht einmal mehr erkennt und eine völlig andere Sprache spricht.
Der Autor folgt seinem Vater auf diesen Spuren: Er absolviert eine Ausbildung im Hotelfach, arbeitet in Köln, Frankfurt, Toronto und Düsseldorf, und wird schließlich Geschäftsführer eines renommierten Kölner Tagungshotels — eine Karriere, die er als Kompensation für das verlorene Dénesfa versteht. Als der Eiserne Vorhang fällt, reist er mit Schwester und Frau mehrfach nach Ungarn, versucht Familienland zurückzukaufen und kämpft jahrelang um Restitution. Vergeblich. Der Traum, Schloss Dénesfa als Hotel zu führen — den sein Vater ihm eingepflanzt hatte — bleibt unerfüllt.
Entwurzelt ist aber auch das Porträt einer Mutter, die der Autor kaum kannte. Jill Tweedie, die mit ihrer Kolumne im Guardian Millionen Leserinnen erreichte, schrieb in ihren Memoiren Eating Children über die Ehe mit Béla und die verlorenen Kinder. Ádám begegnet ihr als Jugendlicher, als junger Mann — und erlebt jedes Mal dieselbe leise Enttäuschung. Beim letzten Besuch 1992 streckt sie die Hand aus, um ihm übers Haar zu streichen — und zieht sie im letzten Moment zurück. Ein Jahr später stirbt sie. Was bleibt, beschreibt er als eine leise, dauerhafte Trauer um etwas, das nie war.
Das Buch endet mit einer doppelten Bilanz: persönlich und historisch. Als Autor, Gatte und Vater einer Tochter — die den Namen Cziráky tragen wird, aber die Linie nicht fortführen kann — stellt er fest, dass das Buch der Grafen Cziráky zugeschlagen wird. Nicht durch Schuld, sondern durch die Zerstörungskraft eines Jahrhunderts. Was bleibt, ist nicht der Name, nicht das Schloss, nicht das Land — sondern die Haltung: Noblesse oblige. Es braucht keinen Namen dafür.
Entwurzelt ist zugleich Familienchronik, Zeitdokument und Reflexion über das, was Herkunft bedeutet, wenn die Wurzeln gekappt sind. Ein Buch über Heimatverlust und Identität — und darüber, was sich trotzdem vererbt.
